
Verheerende Folgen durch Klimaneutralität? Warum Björn Peters irreführend argumentiert
„Die Klimaneutralität bis 2045 wird verheerende Folgen haben“, behauptet Peters bei Apollo News.
Dr. Björn Peters sorgt mit seinen Thesen zur Energiewende und Klimapolitik regelmäßig für Aufsehen – und Kontroversen. Er warnt vor unbezahlbaren Kosten, ineffizienten Strategien und einem angeblich falsch verstandenen Klimaneutralitätsziel, während er Kernenergie als Allheilmittel preist. Doch hält seine Argumentation einer kritischen Prüfung stand? Eine Analyse zeigt: Die Positionen von Björn Peters sind nicht nur einseitig, sondern oft auch irreführend.
Sie ignorieren wissenschaftliche Fakten, übertreiben Risiken und verschleiern die Chancen einer konsequenten Energiewende. Zeit für eine klare Gegenüberstellung seiner Thesen mit der Realität. Im Folgenden konzentriert sich die Analyse gezielt auf die Aussagen, die Peters in seinem Artikel bei Apollo News („Klimaneutralität: Der totale Umbau“) vertritt.
These 1: Klimaneutralität 2045 ist unbezahlbar und ineffizient

Björn Peters schreibt: „Deutschlands Weg hin zur ‚Klimaneutralität‘ ist durch den ungeeigneten und exorbitant teuren Weg versperrt. Das Beratungshaus McKinsey schätzt die Kosten bis 2045 auf etwa 6.000 Mrd. Euro. Interne Schätzungen eines großen Energieversorgers gehen von bis zu 20.000 Mrd.“
Realität:
Diese Zahlen sind maßlos übertrieben und einseitig dargestellt – sie suggerieren eine finanzielle Katastrophe, die bei genauerer Betrachtung nicht haltbar ist. Seriöse Studien zeigen ein differenzierteres Bild: Eine BCG-Studie im Auftrag des BDI kommt zu dem Schluss, dass durch eine effiziente Umsetzung der Energiewende bis 2035 über 300 Milliarden Euro eingespart werden könnten, etwa durch optimierte Netzplanung und den gezielten Einsatz erneuerbarer Energien.
Die Studie „Klimaneutrales Deutschland 2045“, erstellt von Experten wie dem Öko-Institut, skizziert konkrete Wege, wie das Ziel mit intelligenten Investitionen erreichbar wird – etwa durch Skaleneffekte bei Wind- und Solartechnologien. Laut BCG könnte der Strompreis durch bessere Koordination sogar um 20 % sinken, was Verbraucher und Industrie entlasten würde. Peters ignoriert zudem die gigantischen Kosten des Klimawandels selbst: Extremwetterereignisse wie die Flutkatastrophe 2021 im Westen Deutschlands verursachten Schäden in Milliardenhöhe – ein Preis, der bei untätigem Zuschauen weiter steigt.
Hinzu kommen wirtschaftliche Chancen, die er ausblendet: Die Energiewende schafft Jobs, etwa in der Produktion von Windkraftanlagen, und stärkt Deutschlands Position im globalen Wettbewerb um grüne Technologien. Seine Darstellung ist nicht nur übertrieben, sondern blendet bewusst die positiven Effekte einer klugen Transformation aus.
These 2: Nationale Klimapolitik ist wegen des EU-Emissionshandels wirkungslos
Peters argumentiert im Artikel: „Mit dem Emissionshandel steht ein Mittel zur Verfügung, das sämtliche nationale Klimapolitik zu ersetzen imstande ist.“
Realität:
Diese Sicht ist verkürzt und irreführend – sie reduziert ein komplexes Problem auf ein einziges Instrument, das längst nicht alle Herausforderungen löst. Nationale Maßnahmen beschleunigen den Umbau und fördern Innovationen, die der Emissionshandel allein nicht anstößt: Deutschland hat etwa durch Förderprogramme für Elektromobilität oder Gebäudesanierung Impulse gesetzt, die weit über die Preissteuerung des Emissionshandels hinausgehen.
Der EU-Emissionshandel deckt nur etwa 45 Prozent der Emissionen ab – Sektoren wie Verkehr, Landwirtschaft oder Gebäudewärme fallen nicht darunter und brauchen gezielte nationale Strategien, um Fortschritte zu erzielen. Die Kombination aus Emissionshandel und ergänzenden Politiken hat sich als effektiv erwiesen: Länder wie Dänemark zeigen, wie nationale Ziele und EU-Mechanismen Hand in Hand gehen können – dort sank der CO₂-Ausstoß trotz Wirtschaftswachstum deutlich.
Peters’ Fokus auf den Emissionshandel ignoriert, dass dieser allein weder die Geschwindigkeit noch den Innovationsschub liefert, den die Klimakrise erfordert. Nationale Politik ist kein überflüssiger Luxus, sondern ein unverzichtbarer Hebel, um den Wandel aktiv zu gestalten statt nur zu reagieren.
These 3: Erneuerbare Energien sind ungeeignet für die Energieversorgung
Peters kritisiert: „Der massive Ausbau erneuerbarer Energien wie Wind- oder Solarenergie ist nicht nur maximal teuer, sondern auch ineffizient.“
Realität:
Diese Darstellung ist veraltet und ignoriert den rasanten technologischen Fortschritt der letzten Jahre. Die Kosten für Wind- und Solarenergie sind drastisch gesunken: Eine Kilowattstunde Solarstrom kostet heute oft weniger als 5 Cent – günstiger als Kohle oder Gas. Moderne Netze und Speichertechnologien wie Batteriespeicher, Wasserstofflösungen oder intelligente Laststeuerung gleichen Schwankungen durch Wetterabhängigkeit immer besser aus – ein Problem, das Peters überbewertet.
In Deutschland haben erneuerbare Energien bereits erheblich CO₂ eingespart: Zwischen 2000 und 2020 wurden rund 200 Millionen Tonnen vermieden, ein Beweis für ihre Wirksamkeit. Studien, etwa vom Fraunhofer-Institut, zeigen, dass ein Energiesystem auf Basis erneuerbarer Energien technisch machbar und wirtschaftlich attraktiv ist – etwa durch dezentrale Versorgung, die ländliche Regionen stärkt.
Peters’ Kritik klingt wie ein Echo aus den 2000ern, als diese Technologien noch in den Kinderschuhen steckten. Heute sind sie nicht nur wettbewerbsfähig, sondern ein Schlüssel zu einer stabilen, nachhaltigen Energieversorgung – eine Realität, die er hartnäckig ignoriert.
These 4: Kernenergie als bessere Alternative
Peters plädiert: „Während Deutschland den Ausbau erneuerbarer Energien mit aller Kraft betreibt, zeigt das Beispiel Frankreichs und Schwedens, dass Kernenergie eine günstigere und sicherere Alternative darstellt.“
Realität:
Diese Position übersieht zentrale Schwächen und verklärt die Realität der Kernenergie. Neue Kernkraftwerke sind teurer als erneuerbare Alternativen: Das britische Projekt Hinkley Point C kostet über 50 Milliarden Euro – ein Betrag, für den man riesige Kapazitäten an Wind- und Solaranlagen bauen könnte.
Die Bauzeiten von über zehn Jahren – oft mit Verzögerungen wie beim finnischen Olkiluoto 3 – machen Kernenergie für den dringenden Klimaschutz ungeeignet, denn wir brauchen jetzt Lösungen, nicht in 15 Jahren. Sicherheitsrisiken wie Fukushima 2011 oder die ungelöste Endlagerfrage bleiben akut: Deutschland sucht noch immer nach einem sicheren Standort für Atommüll, der Jahrtausende strahlt.
Peters’ Verweis auf Frankreich hinkt: Dort führte die Alterung der Reaktoren 2022 zu massiven Ausfällen, Frankreich musste Strom importieren – ein fragwürdiges Vorbild für Versorgungssicherheit. Schweden setzt inzwischen verstärkt auf erneuerbare Energien, weil Kernenergie weder flexibel noch zukunftssicher ist. Peters’ Plädoyer klingt nach Nostalgie, nicht nach einer tragfähigen Alternative für den Klimaschutz.
These 5: Interpretation von „Klimaneutralität“ als Netto-Null ist falsch
Peters behauptet: „Es ist ein Skandal, dass es Forscher gibt, die der Politik erfolgreich eingeredet haben, aus der Netto-Null nach den Forderungen des Pariser Klimaabkommens eine Absolut-Null zu machen, also die Behauptung abzuleiten, Deutschland und Europa müssten die CO2-Emissionen auf null herunterfahren. Dies lässt sich mit keiner Wissenschaft begründen.“
Realität:
Das widerspricht dem wissenschaftlichen Konsens und verdreht die Fakten zugunsten einer polemischen These. Der IPCC macht unmissverständlich klar: Netto-Null-CO₂-Emissionen sind nötig, um die Erderwärmung zu stoppen – das bedeutet, dass verbleibende Emissionen durch natürliche oder technische Senken ausgeglichen werden müssen, nicht dass jede Aktivität emissionsfrei wird.
Das Pariser Klimaabkommen fordert ein Gleichgewicht zwischen Emissionen und Senken in der zweiten Jahrhunderthälfte, doch Deutschland hat sich bewusst das ambitioniertere Ziel 2045 gesetzt, um als Industrienation Verantwortung zu zeigen und den globalen Druck zu erhöhen. Die Verankerung im Grundgesetz ist kein „Skandal“, sondern ein rechtlicher und politischer Kompass, der Klarheit schafft.
Peters’ Behauptung, dies sei wissenschaftlich unbegründet, ignoriert Tausende Studien – etwa die IPCC-Berichte –, die genau diese Notwendigkeit belegen. Sein Vorwurf zielt auf eine vermeintliche Übertreibung, doch in Wahrheit ist Netto-Null ein pragmatisches Ziel, das globale Erwärmung begrenzt und gleichzeitig Spielraum für unvermeidbare Restemissionen lässt. Hier wird Wissenschaft nicht missverstanden, sondern von Peters selektiv ausgeblendet.
Fazit rund um den Apollo News-Artikel von Dr. Björn Peters
Dr. Björn Peters’ Thesen zur Energiewende, wie im Apollo News-Artikel dargelegt, erweisen sich als trügerisch. Sie überzeichnen Kosten, unterschätzen erneuerbare Energien und ignorieren wissenschaftliche Fakten. Dabei zeigen Studien:
- Die Energiewende birgt enorme Chancen für Innovation und Wirtschaft.
- Erneuerbare Energien sind günstig und technisch ausgereift.
- Nationale Klimapolitik ergänzt den Emissionshandel sinnvoll.
- Kernenergie ist keine realistische Lösung für schnellen Klimaschutz.
Das Ziel Klimaneutralität 2045 ist ambitioniert, aber machbar – und wirtschaftlich klug. Die Debatte braucht Fakten, keine Polemik. Nur so können wir den Klimawandel bewältigen und die Potenziale der Transformation nutzen.

Martin Ulrich Jendrischik, Jahrgang 1977, beschäftigt sich seit mehr als 15 Jahren als Journalist und Kommunikationsberater mit sauberen Technologien. 2009 gründete er Cleanthinking.de – Sauber in die Zukunft. Im Zentrum steht die Frage, wie Cleantech dazu beitragen kann, das Klimaproblem zu lösen. Die oft als sozial-ökologische Wandelprozesse beschriebenen Veränderungen begleitet der Autor und Diplom-Kaufmann Jendrischik intensiv. Als „Clean Planet Advocat“ bringt sich der gebürtige Heidelberger nicht nur in sozialen Netzwerken wie Twitter / X oder Linkedin und Facebook über die Cleanthinking-Kanäle ein.